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  • Claudine Wenger

Herbst in der chinesischen Medizin


Im Herbst, der dem Metallelement zugeordnet ist, wird die Energie, die im Frühling und Sommer nach oben und aussen ging, wieder umgekehrt und senkt sich ab. Daher besteht eine Funktion des Metallelements darin, Exzesse zu zügeln und Grenzen zu setzen. Es erfolgt ein Verschluss nach aussen hin und gleichzeitige eine Aktivierung innerer Vorgänge. Im Frühling und Sommer haben innere Prozesse wegen der nach aussen gerichteten Energie nicht so viel Beachtung erhalten. Jetzt aber treten sie vermehrt in den Vordergrund und gehen manchmal mit einer Traurigkeit oder mit Gefühlen von Verlust und Abschiednehmen einher, da der Herbstanfang ein Wendepunkt darstellt:


Frühling und Sommer

Frühling und Sommer stehen für Entfaltung, Differenzierung und Unterscheidung: Aus der Erde wachsen viele verschiedene Gewächse. Aus dem Dao (dem Einen) entstehen durch Unterscheidung und Trennung die «Tausend Dinge». Oder auf ein Menschenleben übertragen: Ein Kind entwickelt sich zu einer Persönlichkeit. Hier ist der Weg aber nicht fertig. Es kommt der Herbst, die Säfte ziehen sich zurück, das Laub und die Früchte fallen, sie zersetzen sich und werden zu Erde, die «Tausend Dinge» werden wieder zu Dao. Im Menschenleben bedeutet dies: Die Fähigkeit der Analyse und Unterscheidung und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit muss nun durch die Entwicklung der Fähigkeit von Synthese ergänzt werden. Aus Trennung soll Wiedervereinigung werden. Dies geschieht, indem wir unsere Persönlichkeit wieder zurücknehmen, die meint zu wissen was Richtig und Falsch ist und urteilt und Schuld zuweist. Es gilt zu erkennen, dass alles «richtig» ist und zum Dao gehört.


Das grosse Thema im Herbst ist also loslassen, so wie die Bäume das Laub fallen lassen, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Mit dem Bezug zum Metallelement findet sich auch das kulturübergreifende Thema, aus der irdischen Natur das himmlische Wesen herauszuarbeiten. Metalle kommen nicht in reiner Form in der Natur vor. Nur als Roherze, die dann veredelt werden müssen. Sie werden herausgeschmolzen oder in Laugen aus dem Gestein herausgelöst. Ohne den «Tod dieser unreinen Substanzen» besteht keine Hoffnung auf Auferstehung. Im Herbst kommen wir also mit dem Thema in Kontakt, was mich wirklich ausmacht: Es sind nicht nur all die schönen Blüten und Früchte, denn diese vergehen. Es ist die Kraft die darunterliegt und die «tausend Dinge» ermöglicht.


Loslassen

Manchmal fällt das Loslassen sehr schwer und die Trauer, die Emotion die zum Metallelement gehört, blockiert den Fluss. Wichtig ist es die Trauer als Prozess des Reinwaschens und Loslassens zu erkennen und zu durchleben und nicht als Klammern an das was vorbeigehen soll. Anschaulich zeigt sich uns dies im Lungenmeridian, der zum Metallelement gehört: Nur wenn wir ausatmen, können wir auch wieder einatmen. Ohne Loslassen können wir nichts Neues erhalten. So erklärt sich auch warum die Tugend «Gerechtigkeit» zum Metallelement gehört: Wenn man etwas verliert sorgt die Gerechtigkeit des Dao dafür, dass man auch etwas bekommt. Das Loslassen birgt immer die Hoffnung (oder sogar die Gewissheit), dass etwas Neues kommen kann. So wie das Laub im Herbst schon die Grundlage schafft für neues Wachstum im Frühling. Dabei hilft es dann eben auch, sein Ego und seine eigenen Vorstellungen nicht zu wichtig zu nehmen und dem Dao seinen Lauf zu lassen: Es wird im Frühling schon irgendeine Pflanze wachsen, nur wahrscheinlich nicht die gleiche wie wir schon hatten.


In diesem Sinne ist auch die ZEN-Geschichte zu verstehen, in der der Zen-Meister nach einem Fabrikbrand vom jammernden Besitzer herbeigerufen wird und der Meister meint lediglich: « Ach warum habt ihr mich nicht schon vorher gerufen, das muss ja wunderbar schön gebrannt haben». Darauf besinnt sich der Besitzer, hört auf zu jammern und baut die Fabrik innerhalb eines halben Jahres neu und besser als vorher auf.


Wenn wir das Metallelement verstanden haben, erübrigt sich viel Leid von selbst, da wir nicht mehr anhaften an den «Tausend Dingen». So werden wir auch leichter beim Üben von Tai-Chi: Wir lassen die Atmung frei fliessen, einatmen – ausatmen, geben uns dem Fluss der Energie hin und dem Wechsel von Yin und Yang. So erübrigen sich auch Verspannungen, da wir nichts halten müssen, was nicht nötig ist. Das dürfen wir immer wieder üben… nicht nur, aber besonders im Herbst.


Autor: Claudine Wenger

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